Im Pharma-Zoo: Beitrag zur Blogparade von Madame Flamusse

Das Pillentier

Im Pharma-Zoo

Das Volta-Reh floh in den Wald
und Tili dient mir nur noch halb
auch Lisi hext nicht mehr
das Blut druckst so herum
hat wieder nix geschrieben
Ibu prooft die Herzfrequenz
und mir ist nichts geblieben
als du, der meinen Rücken krümmt

zur Strafe kriegst du von mir Strom
schlagartig prügelst du zurück
zusammen hält mich nur ein Stück
Tape, hellblau und chrom


Blogparade „Mein Körper (und ich)“: reingelesen.wordpress.com


Zu dem Gedicht einige persönliche Worte:
Als ich geboren wurde, hatte ich zwei deformierte Hüften (beidseitige Hüftdysplasie) und ein Bein, das nicht im Hüftgelenk verankert war (Luxation). Da man 1970 noch kein Ultraschallgerät hatte, wurde das erst bemerkt, als ich neun Monate alt war. Für die folgenden anderthalb Jahre wurde ich in einem Gipsbett und anschließend in einer sog. Spreizhose fixiert, um das Bein in die Hüfte zu bringen und das andere derweil am Wachsen zu hindern. Die Kante des Gipsbetts drückte auf meine Wirbelsäule, denn ich konnte nur noch im Bett liegen. Die Wirbelsäule deformierte sich und zwei Wirbel drehten sich von der Gipskante weg. Laufen lernte ich mit knapp drei Jahren, fiel aber ständig hin und hatte keine Fallreflexe. Mit acht Jahren begannen die Schmerzen, die ich bis heute habe und die nicht heilbar sind. Es sollte 44 Jahre dauern, bis ich erfuhr, dass ich auch einen genetischen Defekt habe und an dem Hypermobilitätssyndrom leide. Das bedeutet, dass mir ein Kollagen fehlt, aufgrund dessen mein Bindegewebe so schwach ist, dass ich mich sehr gut verrenken kann, aber keine Stabilität habe. Bindegewebe ist überall im Körper, die Bänder sind zu lax, es ist auch in den Knochen und Muskeln. Deshalb kann ich mir nur in engen Grenzen Kraft antrainieren, mein Körper kann die noch vorhandenen Hüft- und Wirbelsäulenanomalien nicht muskulär ausgleichen. Das ist der Grund für chronische Schmerzen, die mich nun seit 39 Jahren begleiten. Im Laufe der Zeit sind sehr viele Texte entstanden, ein Sachbuch über meine Art, mit Schmerzen zu leben, ist in Arbeit. Da ich in erster Linie Lyrikerin bin, habe ich überwiegend Gedichte über Schmerz geschrieben. Einige davon sind in meinem Buch „Der Boden des Dunkels“ veröffentlicht (BoD, 2011).
Das hier vorgestellte Gedicht ist eins aus einer sehr harten Phasen mit starken Schmerzen und wenig Hoffnung. Hier habe ich die Namen der Medikamente, die ich nehme,  persifliert und spreche den Schmerz als Gegenüber des literarischen Ichs an (du = der Schmerz).

Nicht jeder Tag ist so schwarz und das Dunkel ist nicht bodenlos! Man darf über dieses Gedicht auch lachen.

 

 

 

 

8 Gedanken zu “Im Pharma-Zoo: Beitrag zur Blogparade von Madame Flamusse

  1. … wenn es nicht alles so „bitter“ wäre – kenne das „Reh“ ;-), Schmerzen, Hüftdysplasie beidseits seit Geburt 1957, jetzt mit Arthrose :((( ja, das tut so weh und frau fühlt sich im Körper-Gehäuse winfach nicht wohl. LG

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    1. Ja, Du sagst es – vielen Dank für Deinen Kommentar. Zu mir bzw. meinen Eltern sagten die Ärzte: „Das wächst sich raus“
      Die Arthrose merke ich noch nicht so stark. Bin andererseits dankbar für das „Reh“, ohne ginge ja gar nix. Alles Gute für Dich!

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