Violas Flaschenpost

Text und Foto: Maren Schönfeld

Die Flasche war dunkelgrün und eher klein, bauchig. Unterhalb des Flaschenhalses zierte sie ein erhabenes Muster, das ihr etwas Altmodisches oder Fremdes verlieh. Leise klirrend stieß die Flasche immer wieder gegen die Ufersteine; der rote Siegellack, mit dem sie verschlossen war, blieb unversehrt.

Bereits eine halbe Stunde saß Viola oben auf den Steinen und beobachtete die Flasche, hinter deren Glas es hell schimmerte. Es gab keinen Zweifel daran, dass es eine Flaschenpost war. Als Kind hatte Viola sich nichts sehnlicher gewünscht, als einmal eine Flaschenpost zu bekommen. Darum war sie auch zunächst die Böschung hinabgeklettert, um die Flasche an sich zu nehmen. Doch plötzlich hatte die Flasche etwas Bedrohliches angenommen. Auffordernd hatte sie geklirrt und verlangt, dass Viola sich ihrer annehme. Was, wenn die Flaschenpost kein Geschenk war, sondern eines verlangte?

So erklomm Viola die Böschung und ließ sich auf den Steinen nieder. Die Flasche schickte sich nicht an, fortzuschwimmen. Es schien, als hätte sie Viola als Empfängerin auserkoren.
Annahme verweigern? Den Hilferuf eines Gestrandeten auf einer entfernt liegenden Insel einfach nicht beachten? Der Gestrandete ritzte vielleicht täglich eine Kerbe in den Palmenstamm vor seiner selbst gezimmerten Hütte. Nur die Hoffnung auf Rettung hielte ihn am Leben. Viola als Flaschenpostempfängerin wäre eine Heldin. Mit einem Feuerwehrhubschrauber käme sie, ihn zu retten. Nachdem er seinen wilden Bart abrasiert und sein Haar frisiert hätte, sähe er in seinem neuen Anzug aus wie Robert Redford. Natürlich wären sie ein Paar, und Viola käme endlich heraus aus ihrem Leben.
Die Flaschenpost war DIE Chance. Wie hatte sie nur glauben können, dass die Flasche ihr Unannehmlichkeiten bereiten könnte?

Abermals begann Viola den Abstieg, als sie einen kleinen Jungen entdeckte, der sich in rasanter Geschwindigkeit ebenfalls der Flasche näherte.
„Papa! Eine Flaschenpost, eine echte Flaschenpost!“
Sein Vater wartete lächelnd oben auf der Promenade.
Meine, dachte Viola und versuchte, schneller zu klettern. Doch mit der Gewandtheit des Kindes konnte sie nicht mithalten. Ihre Kehle war wie zugeschnürt, als der Kleine die Flaschenpost erreicht und mit einem Jubelschrei aus dem Wasser gezogen hatte. Übermütig schwenkte er die Flasche über seinem Kopf hin und her und kletterte schnell die Böschung hoch, um seinem Vater den Schatz zu zeigen.

„Was willst du denn mit Robert Redford!“, rief Viola dem Jungen nach, der sich umdrehte und sie verständnislos anstarrte, bevor er dem Ruf seines Vaters folgte. Nachdem der Vater sich die Flaschenpost angesehen hatte, steckte er sie in seinen Rucksack, nahm seinen Sohn an die Hand und ging davon. Mit der Flaschenpost, Violas neuem Leben.

(erschienen in „Leib & Lieb“, elbaol verlag hamburg, 2009)

5 Gedanken zu “Violas Flaschenpost

  1. Hach, wie schön, die Geschichte! 🙂

    Ein Trost für Viola: Die Flaschenpost war von keinem Robert Redford auf einer Robinsoninsel (und auch nicht von Tom Hanks aus „Cast Away“), sondern von mir, was der Sache leider entschieden den Reiz nimmt. 😉
    Nun denn, wenn die Dame trotzdem dort – ich nehme Bezug auf das Foto – weitersuchen mag, da könnte zwischen den Basaltblöcken der Uferbefestigung tatsächlich eine etwas altmodische Buddel zu finden sein. Zwar ohne Siegellack, aber aus profiliertem Glas und mit Bügelverschluss. Aber, wie gesagt, nicht von Robert Redford.
    https://flaschenposten.wordpress.com/2015/12/13/fernsehen-flaschenpost-noch-einmal-die-seltsamen-ungluecksbotschaften-der-lusitania/

    Merke: Richtig schön sind Geschichten, die im Kopf des Lesers weitergesponnen werden!

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  2. Ich erinnere mich noch an die riesige Freude, als ich im Urlaub als Kind ca. 1969 am Nordseestrand von Jütland eine FLASCHENPOST fand – mit einem Gruß und einer Adresse darin. Meine anschließend auf der Rückfahrt nach hause von der Elbfähre Brunsbüttelkoog-Cuxhaven abgeworfene Flaschenpost wurde leider bis heute nicht gefunden.

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      1. Noch nie eine verschickt? Das solltest du aber dringend nachholen! Die Gestrandeten sollen doch an ihren einsamen Küsten nicht ohne eine kleine literarische Überlebensration bleiben! 😉

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