Dummer Feminismus?

Wir schreiben das Jahr 2018, es ist ganze 15 Tage alt. Autorinnen und Autoren eines Hamburger Berufsverbands trafen sich am gestrigen Sonntag zum traditionellen Neujahrsempfang. Ehrengast war Peter Schmachthagen, den Leserinnen und Leser des Hamburger Abendblatts als Verfasser einer regelmäßigen Rubrik kennen, die sich mit der deutschen Sprache befasst. Schmachthagen wurde 2017 mit dem Elbschwanenorden, verliehen vom Verein Deutsche Sprache e.V., geehrt. Diesen Orden erhalten Personen, „die sich um Pflege und Förderung der deutschen Sprache in besonderer Weise verdient gemacht haben“.[1]

Eine kluge und witzige Rede der Vorsitzenden des Veranstalters leitete zum Thema Anglizismen in der deutschen Sprache ein, die sicherlich gerade für Autorinnen und Autoren ein interessantes Thema wären. Wer dachte, Peter Schmachthagen würde sich diesem Thema widmen, hatte sich jedoch geirrt. Zunächst kam er auf die Unterschiede zwischen Autor und Journalist zu sprechen und witzelte über die mageren Tantiemen, die er als Buchautor erhalten hätte, nicht ohne die Gäste wissen zu lassen, dass er glücklicherweise als angestellter Journalist gearbeitet hätte. Dass „Sie“, gemeint waren wir Gäste, „davon leben müssen“, täte ihm leid. Nun kann man über Humor sicherlich streiten. Wenn ein 76-jähriger, der sich um seine Existenz keine Sorgen zu machen braucht, glaubt, er müsste sich über die jüngeren, berufstätigen Kolleginnen und Kollegen lustig machen, die in unserer Zeit eine sehr viel unsicherere Existenz haben – bitte sehr.

Der Schwenk zum Thema „Gender“ kam danach recht unvermittelt und wurde sogleich mit dem Zusatz „unselig“ von Schmachthagen angekündigt, sodass sofort klar war, dass es mindestens durch den Kakao gezogen werden sollte. Allerdings war der Topf mit Kakao so groß, dass gleich alles, von Gott über die Studenten bis zu Mikrofonen, darin versenkt wurde, in einem anmaßenden und überheblichen Rundumschlag. Schmachthagen sprach vom „dummen Feminismus“, davon, dass Gott zur Göttin werden musste (wobei Gott weder männlich noch weiblich ist, was der Sprachexperte eigentlich wissen sollte, denn die Vermännlichung Gottes ist das Werk der katholischen Kirche[2]), dass das Rednerpult – an dem auch Rednerinnen sprechen – in Redepult umbenannt werden musste und dass in irgendwelchen Verträgen gar von Mikrofoninnen und Mikrofonen die Rede gewesen sei. Wir kennen alle diese oftmals umständlichen und manchmal bizarren, sogar lächerlich wirkenden Formulierungen, die sich um eine geschlechtergerechte Sprache bemühen. Ich selbst bekenne, dass mich die Ausdrucksweise manchmal nervt und es mir zu umständlich ist, in meinen Texten die männliche und weibliche oder gar alle Geschlechter umfassende Form zu verwenden – eine Haltung, die ich allerdings seit heute ernsthaft überdenke.

Auch auf ein drittes Geschlecht – außer männlich und weiblich –  kam Schmachthagen zu sprechen, und zwar in nicht gerade schmeichelhafter Form, um es sehr zurückhaltend zu sagen. Schnell wurde ihm Beifall gezollt. Aber nicht von allen Anwesenden. Und ich möchte jetzt in diesem Blog die Frage aufwerfen, ob es wirklich alles so einfach ist, wie Herr Schmachthagen es findet und brandmarkt? Geht es wirklich nur um die Verballhornung der Sprache, wenn um verbale Geschlechtergerechtigkeit gerungen wird? Oder geht es vielleicht um viel mehr? Bitte kommentiert unten!

Sprache kann heilend und kränkend wirken. Mit Sprache üben wir Einfluss aus, manchmal sogar Gewalt. Wohin Propagandasprache führen kann, lässt sich an der Geschichte unseres Landes ablesen. Wie patriarchalisch unsere Sprache geprägt ist, möge jede und jeder den einschlägigen Studien und Forschungen entnehmen, die man beispielsweise im Bereich der Biblio- und Poesietherapie finden kann. Unbewusst werden wir von Sprache manipuliert, sei es durch Werbung oder andere Medien.

Zunächst dürfen wir nicht außer Acht lassen, was Frauen noch vor wenigen Jahrzehnten verwehrt war und teilweise bis heute ist. Das ist ein kulturelles Problem und Sprache ist ein Teil dieser Kultur. Deshalb haben sich die Feministinnen aufgemacht und unter anderem die Sprache untersucht. Wir lernen unsere Sprache und sind mit ihr für unsere Gesellschaft sozialisiert. Deren als selbstverständlich empfundene Gesetzmäßigkeiten sind uns nicht bewusst.
„Als feministische Linguistin lehne ich einen Teil dieser „verborgenen Gesetzmäßigkeiten“ ab (nämlich die geronnenen Sexismen) und setze meine „ungrammatischen“ Erfindungen, gezielte Regelverstöße, beim Sprechen und Schreiben bewußt und so oft wie möglich ein mit dem Ziel, sie als grammatisch zu etablieren und die alten frauenfeindlichen Gesetzmäßigkeiten allmählich in den Status der „Abweichungen“ übergehen zu lassen.“ (Luise F. Pusch[3]).
Es geht also nicht um Verballhornung, sondern um Bewusstmachung. Um eine Bewegung zu ermöglichen, muss erst einmal ein Bewusstsein entstehen. Und auch, wenn ich selbst einige Genderversuche als zu überzogen empfinde, sind sie wichtig, um patriarchalische Strukturen bewusst zu machen und nach Alternativen zu suchen. Frauen werden noch immer schlechter bezahlt als Männer. Sie haben, wenn sie sich für Kinder entscheiden, einen harten Weg vor sich und finden oftmals nicht zu ihrer beruflichen Karriere zurück. Die aktuelle „#MeToo“-Debatte zeigt, wie weit verbreitet Sexismus in unserer Gesellschaft noch immer ist. Artikel 3 unseres Grundgesetzes stellt Männer und Frauen gleich. Aber nur, weil es so im Gesetz steht, heißt es noch lange nicht, dass es auch so ist. Wir Frauen müssen dafür kämpfen. Eine Frau in einer Führungsposition muss immer mehr leisten als Männer in einer vergleichbaren Position. Politikerinnen werden häufig in den Medien nach ihrem Äußeren beurteilt, während ich noch nie etwas über den Anzug oder die Frisur eines Politikers gelesen habe. Sehr viele Frauen kennen Männernetzwerke, durch die kein Hindurchkommen ist, ob in Vereinsvorständen oder Firmenspitzen. Es hat daher durchaus seine Berechtigung, Frauenverbände zu gründen, es hat seine Berechtigung, Benachteiligungen im täglichen Zusammenleben aufzuspüren und zur Sprache zu bringen. Und das zur Sprache Gebrachte weiter zu diskutieren, Ungerechtigkeiten auszumerzen. Nicht nur für Frauen, sondern für alle Geschlechter.

Von wie viel Ignoranz und wie wenig Empathie zeugt es, wenn man das dritte Geschlecht als von der Politik kreierten Unsinn abtut? 80 Prozent der Intersexuellen unternehmen mindestens einen Selbstmordversuch, davon sind etwa 25 Prozent erfolgreich.[4] Ich würde mir wünschen, dass einmal über die Vordergründigkeit der sprachlichen Bezeichnung hinausgedacht und sich wirklich damit auseinandergesetzt wird, was es bedeutet, weder weiblich noch männlich zu sein. Das würde ich mir nicht nur, aber auch von Herrn Schmachthagen wünschen, vor allem dann, wenn er in der Öffentlichkeit eine Rede hält, vor einem Publikum, bei dem auch Intersexuelle anwesend sein mögen und in der Vergangenheit gewesen sind.

Das, was Herr Schmachthagen für die Sprache einfordert, fehlt ihm leider selbst: Respekt. Respekt vor starken Frauen, die für Gleichberechtigung gekämpft haben und weiterhin kämpfen. Respekt vor der Individualität der einzelnen Menschen. Respekt vor den Autorinnen, die im Saal saßen und sich seine Rede gegen den „dummen Feminismus“ angehört haben. Nur eine ist aufgestanden und gegangen. Keine ist aufgestanden und hat dem Redner Einhalt geboten, auch ich nicht. Im Gegenteil, viele haben sich köstlich amüsiert, und nicht erst, als es um die Verwendung des Bindestrichs ging. Liebe Schwestern, wenn wir nicht selbst den Respekt vor uns aufbringen, warum sollten es dann Männer wie Herr Schmachthagen tun? Weil uns so viel Frechheit die Sprache verschlägt? Ich sage, die Kollegin hat es richtig gemacht. Wenn mir nächstes Mal die Worte fehlen, werde ich auch einfach aufstehen und gehen.

[1] Homepage des Vereins Deutsche Sprache, http://vds-ev.de/service-view/elbschwanenorden/

[2] Hierzu ein interessanter Artikel: https://www.welt.de/welt_print/vermischtes/article7045970/Ist-Gott-eine-Frau.html

[3] Luise F. Pusch: Alle Menschen werden Schwestern, edition suhrkamp, Frankfurt a. M. 1990, S. 13

[4] http://blog.zwischengeschlecht.info/post/2009/05/01/Unseres-Wissens-zufolge-unternehmen-80-der-Intersexen-Suizidversuche-hiervon-25-erfolgreich-AGGPG-1998

6 Gedanken zu “Dummer Feminismus?

  1. Dieser Artikel spricht mir aus der Seele. Und ja, auch ich werde das nächste Mal aufstehen und gehen. Oder dem Provokateur vorher ins Wort fallen. Wer mich als Frau beleidigt, soll sich nicht mehr auf eine „gute Kinderstube“ verlassen können.

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    1. Danke! Heute Abend bei der Lesebühne traf ich eine Frau, die mir erzählte, dass sie und ihre Gleichgesinnten sich in so einem Fall vor und neben den Redner stellen und dort bleiben, ihn einfach ansehen. Das kann ich mir auch gut vorstellen.

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  2. In Herrn Schmachthagens Kopf können wir alle natürlich nicht hineinschauen. Aber eine Vermutung maße ich mir an: Dem alten Mann – aber auch so vielen deutlich jüngeren Männern – scheint eine ganz banale Transferleistung zu misslingen. Das, wogegen er da glaubt streiten zu müssen, ist in seinem profanen Kern ja der dräuende Verlust von Privilegien; des Privilegs etwa, von einer „üblichen“ Formulierung nicht bloß irgendwie auch gemeint zu werden – sondern zuallererst und ganz besonders.

    Aber geht es denn denn da nicht um bessere Les- oder Verstehbarkeit? Das werden die Schmachthagens dieser Welt sicher so behaupten. Also, dann: Setzen wir doch einfach für die nächsten, sagen wir: 250 Jahre – in etwa so lang liegen ja die Adelung’schen Orthographievorschläge zurück – einfach die weibliche als allgemeine Form; die ist ja kein bisschen weniger gut les-, schreib- oder verstehbar. Oder etwa doch?

    Meine Prognose: Es geht darum eben doch nicht. Vielmehr scheinen mir die Abwehrreflexe so vieler neuerdings zu Sprachrettern sich aufschwingender – nicht einzig, aber eben doch vor allem – Männer von der Aussicht, ahem, getriggert, sie könnten sich plötzlich in einer nicht mehr ganz so privilegierten Position wiederfinden. Wie sich das aber anfühlt, nicht das Zentrum des Gemeinten darzustellen: das könnten sich all die ums, ach!, schöne Deutsch besorgten Kerls von nahezu jeder Frau erklären lassen: Für die ist das nämlich immer schon so.

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  3. Jahrgang 1948 bin ich und in meinem fast 70-jährigem Leben konnte ich eine Reihe von positiven Veränderungen im Frauenbild hier in Deutschland feststellen.
    Trotzdem taucht auch heute noch u.a. in Schreiben von Behörden und anderen Institutionen die Vorstellung auf, dass der Mann der „Haushaltsvorstand“ ist und die Frau nur sein „Anhang“.
    Das empört mich im Jahr 2018 ebenso wie die Aussage des „Sprachretters“ Peter Schmachthagen, der vom „dummen Feminismus“ spricht.
    Das ist für mich nichts anderes als eine Frechheit und Respektlosigkeit gegenüber Frauen!

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