Archiv der Kategorie: Geschichten

Literatur und Musik zum Thema „Streit!“

(c) Ökumenische Friedensdekade

„Die Ökumenische Friedensdekade steht in diesem Jahr unter dem Motto „Streit!“ und streiten können muss man in einer Demokratie. Wer nicht streiten kann, der kann sich auch nicht einsetzen für das, woran er glaubt. Konflikt- und Dialogbereitschaft sind besonders wichtig für eine gesunde Demokratie. Man muss auch mal streiten, um die Perspektive zu wechseln und vielleicht einen neuen Blick auf alte Herausforderungen zu bekommen. Für jeden guten Kompromiss ist es schließlich entscheidend, dass beide Seiten sich gesehen fühlen.“ (Malu Dreyer, Grußwort)

Im Kleinen wie im Großen ist es entscheidend, ob und wie eine Streitkultur gelingt. Denn was in einer Beziehung oder Familie praktiziert wird, tragen deren Mitglieder nach außen. Mit dem diesjährigen Motto haben sich die Autorinnen Heike Suzanne Hartmann-Heesch, Sibylle Hoffmann und Maren Schönfeld sowie der Autor Detlev H. G. König in Form von Erzählungen und Gedichten befasst. Der Komponist und Musiker Wolfgang CG Schönfeld bildet mit seiner Instrumentalmusik für Bassgitarre, Orchester und Band eine Ebene ab, die wie eine eigene Sprache wirkt.

www.friedensdekade.de
Dieses Jahr werden wir zwei Auftritte haben:

14. November 2017 um 19:00 Uhr
Ev.-luth. St. Petri-Kirche Hamburg Altona,
Schillerstr. 22, 22767 Hamburg

und

16. November 2017 um 19:00 Uhr
Evangelisch-methodistische Kirche Bethanien, Bethanien-Höfe, Martinistr. 41-49, 20251 Hamburg

Eintritt ist jeweils frei, Hutspende willkommen

Violas Flaschenpost

Text und Foto: Maren Schönfeld

Die Flasche war dunkelgrün und eher klein, bauchig. Unterhalb des Flaschenhalses zierte sie ein erhabenes Muster, das ihr etwas Altmodisches oder Fremdes verlieh. Leise klirrend stieß die Flasche immer wieder gegen die Ufersteine; der rote Siegellack, mit dem sie verschlossen war, blieb unversehrt.

Bereits eine halbe Stunde saß Viola oben auf den Steinen und beobachtete die Flasche, hinter deren Glas es hell schimmerte. Es gab keinen Zweifel daran, dass es eine Flaschenpost war. Als Kind hatte Viola sich nichts sehnlicher gewünscht, als einmal eine Flaschenpost zu bekommen. Darum war sie auch zunächst die Böschung hinabgeklettert, um die Flasche an sich zu nehmen. Doch plötzlich hatte die Flasche etwas Bedrohliches angenommen. Auffordernd hatte sie geklirrt und verlangt, dass Viola sich ihrer annehme. Was, wenn die Flaschenpost kein Geschenk war, sondern eines verlangte? Violas Flaschenpost weiterlesen

Aktuelle Lesetermine

Am 15. Mai 2017 ab 19.30 Uhr werde ich als Autorin des Abends im Rahmen der Offenen Lesebühne Hamburg-West zwanzig Minuten Lesezeit haben. Aus meiner Sammlung alter und neuer Prosatexte Zwischen Kopf und Bauch werde ich Kurzgeschichten lesen.
Bistro Roth, Rothestr. 34, Hamburg-Ottensen, Eintritt € 2

Alice Kaufmann: Dornenbaum

Poesie trifft Komposition: Lebendige Farben, verwunschene Orte
Im Kunstforum der GEDOK Hamburg werden wir am 20. Mai um 19 Uhr in der Ausstellung „Bis an das Ende der Welt“ von Alice Kaufmann und Christine Grandt ein Programm aus unserer Reihe Poesie trifft Komposition spielen. Neue Gedichte sind zu den Werken der Künstlerinnen entstanden. Besonderer Höhepunkt ist die Premiere der Komposition „Fantasy of Seventh“ von Wolfgang CG Schönfeld, die Krisztina Gyöpös am Flügel spielen wird.
Mit einer kurzen Sequenz aus ihren Texten wird die Autorin Susanne Bienwald zu Anfang zu hören sein.
www.alicekaufmann.de, www.cristine-grandt.de
Kunstforum der GEDOK Hamburg, Koppel 66/Lange Reihe 75, 20099 Hamburg-St. Georg
Eintritt frei, Hutspende erbeten

www.gedok-hamburg.de

Christine Grandt: Eisberg

Die Aktion „Altona Macht Auf“ startet erneut am 23. und 28. Juni und wir sind gern mit einem Mini-Programm wieder dabei! Die Uhrzeiten werden wir erst ungefähr eine Woche vorher erfahren. Wieder gibt es einen geführten Rundgang von Fenster zu Fenster.

Leiser Dialog

Jugendstilfassade des Barkenhoffs, Foto: Walter Nitschkke, (c) anSICHTEN Verlag Bremen, 1999

Mit dem Betreten des Raumes setzt schlagartig Stille ein. Wie auf einer Zeitreise finde ich mich vor seinem Schreibtisch, eher ein Sekretär, sehe Tintenfass, Füllhalter und Briefpapier, einen Stapel Briefe, der auf Beantwortung wartet. Nur ein Stuhl, sonst keine Möbel in dem kleinen Zimmer. Den Sekretär vor eines der Erkerfenster gerückt, ein Raum für das Sehen nach außen, ins Grün, und nach innen. Kein Gegenstand, kein Zierrat lenkt ab.

 

Im August angekommen und wegen seines Aufzugs Aufsehen erregt: Von den Russlandreisen hatte er die Kleidung mitgebracht, trug das Hemd über der Hose. Nach der intensiven Nähe zu Lou wartete nun Stille auf ihn.
„Weiß, weiße Türen, Vasen darüber gemalt, aus denen Rosenketten sanft zu beiden Seiten fallen“, so beschrieb er den Salon, in dem sich die Künstler trafen. Es ist Trost, nach der Trennung von Lou in eine Gemeinschaft zu kommen, in der er nicht Gefolge, sondern um seiner selbst willen willkommen ist. Bei seinem ersten Besuch war ihm die Landschaft noch unheimlich gewesen, das Moor mit seinen aufsteigenden Nebeln, das manchmal überirdisch wirkende Licht.
Ich bringe es nicht fertig, mich zu setzen, obwohl ich allein im Zimmer bin. An sein Stehpult hätte ich mich vielleicht stellen, ein wenig anlehnen können. Aber das Pult fehlt, ausgerechnet das, von dessen Sorte es an jedem seiner Aufenthaltsorte ein Exemplar gegeben hat.
Aber steht er nicht eben hinter mir, neben mir, schweigend den Blick aus dem Fenster gerichtet? Nur im Schweigen, im Warten kommen Gedichte. Man kann sie nicht zwingen, ihnen nur die Pforte öffnen, indem man sich in Einsamkeit begibt.
Das Erkerzimmer ist schlicht, unverziert, Holz und beigefarbene Wände, weiße Fenster mit Blick in den Park, in dem das Haus sich verliert. Er ist Gast und wird Gast bleiben, zeitlebens und allerorten. Die Suche nach Heimat endet bei ihm selbst. Er trägt die Einsamkeit zu den Menschen, die er bald nur noch aus der Ferne lieben kann, lieben will. Nichts darf die Worte in ihm stören. Die „Große Arbeit“ ist sein Lebensziel und -zweck.
Ich spüre ihn hinter mir auf und ab gehen, seine Verse laut aufsagen. Die Haushälterin erschrak vor ihm, weil sie dachte, der seltsam gekleidete, zierliche Mann mit dem durchdringenden Blick bete unentwegt.
Wo er damals durch den Garten wanderte, schieben sich jetzt einzelne Gruppen aus dem Reisebus die schmalen Wege entlang, mit lauten Gesprächen. Er zöge sich lieber in sein Zimmer zurück, ihm wurden Gesellschaften schnell zu viel. Das ist vielleicht noch mehr Bindeglied zwischen uns als seine Themen und seine ungeheure Sprachfähigkeit: Diese Sehnsucht nach Einsamkeit und die Überzeugung, das alles in uns ist, wir ihm nur Raum geben, es hören müssen. Ich war in Prag auf seinen Spuren, habe in Westerwede vor dem Haus gestanden, das nach dem Brand und Abriss des alten Hauses gebaut wurde. Heimat, in dem alten Haus, für ihn und seine kleine Familie nur für ein gutes Jahr. Später noch einmal der Barkenhoff, als die Zeichen der Auflösung schon überdeutlich waren.

Wir stehen gemeinsam in diesem Zimmer und richten den Blick nach innen.

Das ist die Sehnsucht: Wohnen im Gewoge
und keine Heimat haben in der Zeit.
Und das sind Wünsche: Leise Dialoge
täglicher Stunden mit der Ewigkeit.*

Schritte nähern sich, ich wehre mich vergeblich.
„Ach, und das hier war das Zimmer von dem… wie hieß er noch gleich?“
Ich wende mich um. Der Raum füllt sich mit Wörtern, Belanglosigkeiten. Ich bin allein.

*(Rilke, Rainer Maria: Mir zur Feier, 1909)

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Grenzen und Horizonte morgen in Hamburg-Harburg

Die Auftaktveranstaltung unserer Reihe Poesie trifft Komposition gibt es morgen im Kulturcafè Komm du, Buxtehuder Str. 13 in Hamburg-Harburg.

Heike Suzanne Hartmann-Heesch und ich lesen aus unseren Texten, Wolfgang CG Schönfeld spielt Kompositionen für Bass, teilweise mit Halbplayback und auch als Solo-Instrument.

Wir beginnen um 15 Uhr, Ende ist um 17 Uhr. Der Eintritt ist frei, wir freuen uns über eine Hutspende.

Link zum Veranstalter: http://www.komm-du.de/vorschau.shtml

Eine andere Einsamkeit – Hochsensibilität als Romanthema

(c) Kadera Verlag
(c) Kadera Verlag

Während ich das Gefühl habe, dass unsere Welt immer lauter wird, immer voller mit Informationen und Nachrichten, stolpere ich über ein Buch, dessen Thema das genaue Gegenteil ist: Die Stille. Nicht die Stille in der Natur oder in der Nacht, sondern die Stille als ein Grundbedürfnis des Menschen. Es ist kein kontemplatives Sachbuch mit Anleitung zur Meditation, sondern ein Roman aus dem Hier und Jetzt, über eine Frau, die schon in ihrer Kindheit an dem Zuviel ihres Umfelds leidet. Als ihre Schwester geboren wird, melden die Eltern die dreijährige Xenia im Kindergarten an. Das Kind erlebt diesen Ort als die „Große Qual“ (S. 13), dessen Lärmmischung aus Geschirrgeklapper, Geschmatze, Geschrei und als Krönung der immer wieder erklingenden „Vogelhochzeit“ kaum auszuhalten ist. Ihre Versuche, sich innerhalb dieser Struktur zurückzuziehen, in Ecken zu verschwinden und allein zu spielen, scheitern an dem Eingewöhnungsprogramm der Erzieher. Xenia fühlt sich verkehrt, und dieses Gefühl soll ihr prägendes werden. Denn es wird nicht besser. Ihr Bedürfnis nach Ruhe und Eine andere Einsamkeit – Hochsensibilität als Romanthema weiterlesen

Literatur & Musik für den Frieden am 12. und 15. November in Hamburg

Grafik: Detlef Heesch
Grafik: Detlef Heesch

Bei dem diesjährigen Motto Kriegsspuren der FriedensDekade (6.-16.11.2016) gilt der erste Gedanke gewiss den aktuellen Krisengebieten und den vielen Flüchtenden in der Welt. Krieg hinterlässt Spuren an Leib und Seele, unter den Zivilbevölkerungen, im Leben und in der Kultur betroffener Gesellschaften, aber auch auf den Gesichtern und in den Seelen von Soldatinnen und Soldaten. Sichtbare wie unsichtbare Kriegsspuren finden sich in Familien, im Miteinander der Gesellschaft und in jedem einzelnen.  Diesen Spuren sind die Autorinnen Roswitha Borrmann, Heike Suzanne Hartmann-Heesch, Sibylle Hoffmann, Maren Schönfeld und Martina Seebohm sowie der Komponist und Musiker Wolfgang CG Schönfeld nachgegangen und wollen sie sicht- und hörbar machen. Die Autorinnen lesen eigene Werke, Geschichten und Gedichte, denen Prägungen aus Politik, Gesellschaft und persönlichem Schicksal zugrunde liegen, die sich aber auch mit der Hoffnung und tröstlichen Aspekten beschäftigen. Wolfgang CG Schönfeld schafft mit seinen Klangcollagen und Kompositionen für die Bassgitarre Verbindungen, Gegenstücke und einen eigenen, wortlosen Raum.

Termine:
Samstag, 12. November 2016, 18.30 Uhr
Mahnmal St. Nikolai, Willy-Brandt-Str. 60, 20457 Hamburg
http://www.mahnmal-st-nikolai.de

Dienstag, 15. November 2016, 18.30 Uhr (nach dem Friedensgebet um 18 Uhr, zu dem alle herzlich eingeladen sind)
Ökumenisches Forum HafenCity, Shanghaiallee 12, 20457 Hamburg
http://www.oekumenisches-forum-hafencity.de

Der Eintritt ist frei, Huspenden sind willkommen.

Seit Anfang der 1980er Jahre findet die Ökumenische FriedensDekade regelmäßig im November zehn Tage vor dem Buß- und Bettag statt. Sie bietet Kirchengemeinden, Schulklassen, Jugendgruppen und Friedensinitiativen Gelegenheit, aktuelle Themen zu Gerechtigkeit, Frieden und der Bewahrung der Schöpfung aufzugreifen und zur Diskussion zu stellen. Mehrere tausend Veranstaltungen, Gottesdienste, Friedensgebete und Aktionstage werden bundesweit angeboten und durchgeführt.

Ausführliche Arbeits- und Aktionsmaterialien zur FriedensDekade können im Internet bestellt werden.

Ökumenische FriedensDekade e.V.
BellerWeg 6
56290 Buch / Hunsrück
www.friedensdekade.de

Samstag, 8.10., in Bad Segeberg

Buchcover Wiesenburg Verlag mit einem Bild von Wolfgang Schönfeld
Buchcover Wiesenburg Verlag mit einem Bild von Wolfgang Schönfeld

Poesie trifft Komposition:
Schatten zu Lichtern

Ab 19 Uhr lese ich aus „Die Peripherie des Lichts“ (Gedichte) und „Leib & Lieb“ (Kurzgeschichten), dazu gibt es Kompositionen von Wolfgang CG Schönfeld, das alles in dem sehr gemütlichen Café mit Buchhandlung Wortwerke:

http://www.buchhandlungwortwerke.de an der Hauptstraße neben Möbel Kraft

2. Platz für „Rosas Hut“!

Fotos: Günther von der Kammer

Maren Schönfeld, Sabine Witt, Wolf-Ulrich Cropp, Joachim Frank (v.r.n.l.)
Maren Schönfeld, Sabine Witt, Wolf-Ulrich Cropp, Joachim Frank (v.r.n.l.)

Vor vollem Haus haben wir sechs Endrundenteilnehmer*innen gestern das Finale des Kurzgeschichtenpreises „unterwegs“ ausgetragen. Viele Mitglieder der Hamburger Autorenvereinigung waren gekommen, aber auch viele Gäste und sicherlich auch einige Freunde der Teilnehmer*innen – denn das Publikum ermittelte in geheimer Abstimmung die Siegerin/den Sieger!

Joachim Frank aus Prisdorf machte den ersten Preis mit seiner Geschichte über den Flug des Kondors. Ganz herzliche Gratulation, lieber Joachim!

Die Teilnehmer*innen der Endrunde mit der 1. V. der HAV Sabine Witt und dem 2. V. Wolf-Ulrich Cropp
Die Teilnehmer*innen der Endrunde mit der 1. V. der HAV Sabine Witt und dem 2. V. Wolf-Ulrich Cropp

Meine Geschichte „Rosas Hut“ schaffte Platz 2, was mich riesig freut. Es ist für mich auch eine Hommage an meine Großmutter, deren Kriegs- und Nachkriegserlebnisse in meine Geschichten und Gedichte Eingang fanden. Dieses ist der erste literarische Text, in dem ich Anfang der 2000er Jahre diese Erlebnisse verarbeitete. Inspiriert wurde ich dazu von Walter Kempowski seinem Seminar „Romankonzept“, an dem ich kurz zuvor in Nartum teilgenommen hatte, und von seiner eigenen romanhaft geschilderten Familiengeschichte, deren bekanntester Titel „Tadellöser & Wolff“ ist, der auch verfilmt wurde.

Rosas Hut

Das Seidenpapier zerraschelt die Stille, als Rosa ihn vorsichtig auswickelt. Ein zartes Gebilde aus cremefarbener Seide, einem Hauch Tüll und einer roséfarbenen Stoffrose. Sie tritt vor ihren alten Standspiegel und setzt den Hut behutsam auf ihre weißen Haare. Er ist so leicht, dass sie ihn kaum fühlt. Aus der zerschlissenen Blechschachtel kramt sie zwei Hutnadeln und steckt sie vorsichtig durch den feinen Stoff; gerade so, dass die Nadeln unsichtbar bleiben. Die alten Nadeln sind stumpf. Rosa braucht eine Weile, um sie in den Hut zu stecken, ohne den Stoff zu beschädigen. Versuchsweise zieht sie einige Haarsträhnen in die Stirn. Rosa lächelt. Genauso hatte er ausgesehen, der Hut, den sie vor vierzig Jahren besessen hatte.

Rosa streichelt die alte Blechschachtel, die schon Roststellen an den Ecken hat und deren Aufschrift „Singer“ in roten Buchstaben nur noch blass zu lesen ist. Sie verwahrt noch immer ihre alten Hutnadeln darin, obwohl sie seit damals nie wieder einen Hut getragen hat. Später, als sie es sich hätte leisten können, war sie einmal in ein Hutgeschäft gegangen, hatte einige Hüte aufprobiert, aber es war nicht dasselbe gewesen. Trotzdem besieht sie sich gern die Auslagen.
Und auf einmal hatte er dort gelegen, dieser Hut. Er gleicht dem alten wie ein Zwilling. Sie versucht, noch mehr Haarsträhnen darunter hervor zu ziehen, aber es gelingt nicht richtig. Damals hatte sie ihr Haar länger getragen.

Sie stand vor dem großen Standspiegel und probierte den Hut auf, den sie trotzig von ihrem letzten Geld gekauft hatte, obwohl die Nachkriegszeit einen solchen Einkauf nicht zuließ; diese Zeit, in der man jeden Tag auf der Jagd nach Essbarem war und aus Bettwäsche Kleider nähte. Aber dieser Hut war für Rosa mehr als ein einfacher Hut. Immer, wenn Rosa eine Enttäuschung erlebte, musste sie sich einfach etwas Schönes kaufen. Es war, als bezwänge so ein Kauf das Unglück. Und dieses Mal war es eben der Hut.

Rosa trug den Hut fast täglich. Stolz lief sie damit durch Hamburgs zerstörte Straßen und schenkte den vereinzelten Männerblicken keine Beachtung. Dass der Hut nicht recht zu den Bettwäschekleidern passen wollte, scherte sie ebenso wenig wie Marthas Entsetzen. Sie war nie so vernünftig wie Martha gewesen.

Mit Martha und auch allein zog Rosa in der Nachkriegszeit durch Norddeutschland, von Bauernhof zu Bauernhof, um ihre Habe gegen Essen einzutauschen wie die meisten Städter. Immer fuhr sie bis zur letzten Station mit der Bahn und ging dann zu Fuß weiter. Eines Tages stand sie vor einer Bäuerin, deren Namen Rosa nicht kannte und die desinteressiert Rosas alte Goldbrosche beäugte. Rosa war schon einen unendlichen Weg bis zu diesem Bauernhof gelaufen. Die letzten Meter hatte sie sich hergeschleppt in der Hoffnung, etwas zu essen beschaffen zu können für sich und Nina, ihre Tochter, die der Mann ihr hinterlassen hatte, dessentwegen sie den Hut hatte kaufen müssen. Nina war nun ein Jahr alt, der Krieg war vorbei und es wurde immer schwieriger, etwas zu Essen zu finden, ganz zu schweigen von Briketts, Kleidern oder Schuhen. Rosas gesamter Schmuck war schon getauscht, bis auf die paar Teile, die sie an diesem Tag dabei hatte, auch das Silberbesteck hatte sie schon geopfert.

Rosas Ohrringe und Kette hatte die Bäuerin schon abgelehnt. Nach einer Weile zeigte sie wortlos auf die Brosche und ließ ihren Blick langsam an Rosa hoch wandern.
‚Der Hut!‘, schoss es Rosa durch den Kopf. Sie hatte vergessen, den Hut abzunehmen, als sie aus der Stadt zurückgekommen war, ohne etwas zu Essen herbeihandeln zu können. Kurzentschlossen hatte sie nur eine Tasche und den Schmuck gegriffen und das Haus verlassen. Wie konnte sie nur so dumm sein! Sie schalt sich in Gedanken, um die Verzweiflung nicht spüren zu müssen, die  in ihr hochstieg; diese Ahnung, den Hut hergeben zu müssen.

Die Augen der Bäuerin verhielten bei ihm, dem cremefarbenen Hut, der schon bessere Zeiten gesehen hatte; der sie jeden Tag begleitete und ihr Spiegelbild mit der Eleganz versah, die sie eingebüßt hatte; der ihre rissigen Hände und die Falten im Gesicht vergessen machte. Die Bäuerin wies mit einem Nicken auf den Hut. Rosa schloss die Augen, rang mit sich, dachte an Nina, die hungrig bei Martha auf sie wartete; dann an den Mann und den Tag, an dem sie seinetwegen den Hut gekauft hatte, an Marthas Entsetzen damals im Café.

„Was ist nun?“ Die Bäuerin wurde ungeduldig.
Rosa sah ihr fest in die Augen und schüttelte fast unmerklich den Kopf. Da zuckte die Bäuerin die Achseln, gab ihr die Brosche zurück und wandte sich zum Gehen. Rosa hatte seit zwanzig Stunden nichts gegessen, der letzte Teller Suppe war für die Kleine gewesen, und nun gaben ihre Beine nach.

Die Bäuerin war schon einige Meter gegangen, als Rosa tief Luft holte und sie zurückrief. Rosa zog langsam Hutnadel für Hutnadel aus dem Stoff, nahm den Hut ab, legte die Brosche dazu und gab alles der Bäuerin. Diese ging ins Haus und kam kurz darauf mit einem Kartoffelsack zurück. Rosa riss den Sack an sich und schaute hinein: ein paar Kartoffeln und ein Kohlkopf – eine jämmerliche Portion Essen für die Goldbrosche und den kostbaren Hut.
„Nicht mehr?“
„Hab nicht mehr.“
Rosa starrte, den Sack in der Hand haltend, der Bäuerin nach, bis sie im Haus verschwunden war. Sie fuhr sich mit der rissigen Hand über den Kopf, auf dem der Hut fehlte und fühlte sich, als hätte man ihr ein Stück ihrer selbst weggenommen.

Nachdenklich besieht Rosa sich den Hut auf ihren weißen Haaren. Schließlich zieht sie vorsichtig die Nadeln aus dem Stoff und legt sie in die Blechschachtel zurück. Den Hut bettet sie wieder in das Seidenpapier, stellt die Schachtel auf den Boden des Kleiderschranks. Diesen Hut wird sie nicht gegen Essen tauschen müssen, nicht gegen Essen und nicht gegen irgend etwas anderes. Dieser Hut wird mit ihr in diesem Schlafzimmer bleiben, bis sie nicht mehr da sein wird, und dann noch immer hier in Rosas Kleiderschrank liegen.

Es ist halb drei. Martha wartet im Café. Hastig nimmt Rosa ihren Mantel. Und nach einem kurzen Moment des Zögerns greift sie wieder zu der Schachtel und setzt den Hut auf. Rosa lächelt ihrem Spiegelbild zu. Martha wird Augen machen.

Erschienen in „Leib & Lieb MärchenFrauenMemoiren“, elbaol verlag hamburg, 2009. Das Buch ist nicht mehr im Handel erhältlich, aber ich habe noch eine Restauflage. Wer eins möchte, melde sich bitte bei mir.